Die Pflegebranche zählt zu den personalintensivsten Dienstleistungsanbietern in Deutschland. Der fünfte Bericht zur Pflegeversicherung (Dt. Bundestag 2012, S. 52)  stellt einen Anstieg der Anzahl der Beschäftigten in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen seit 2007 von rund 810.000 auf rund 890.000 im Jahr 2009 fest. Das sind ca. 10 Prozent innerhalb von zwei Jahren. Aufgrund der demografischen Entwicklung steigt der Personalbedarf an Fachkräften weiter an. Bei einem sehr hohen Altersdurchschnitt werden in zehn Jahren viele Pflegefachkräfte in den Ruhestand gehen. Ein großer Teil der Pflegekräfte hat bereits heute einen Migrationshintergrund. Laut einer Studie aus Nordrhein-Westfalen hatten 30 Prozent der Pflegekräfte in ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen einen Migrationshintergrund (DIE 2006). Zudem werben vermehrt Träger Pflegekräfte aus dem Ausland an – überwiegend aus Süd- und Osteuropa.

Studien und Befragungen bestätigen, dass viele Pflegekräfte mit Migrationshintergrund Defizite im Beherrschen der deutschen Sprache – insbesondere auch der berufsbezogenen Fachsprache aufweisen (DIE 2006). Das Sprachniveau am Arbeitsplatz für die Zweitsprache sollte jedoch, gemäß der Grundlage des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprache, für den Pflegebereich mindestens auf dem Niveau B1 bis B2 liegen. Die Niveaus sind allerdings allgemein gehalten und haben wenig Bezug zu den verschiedenen Anforderungen der beruflichen Praxis. Pflegekräfte, die aus dem Ausland angeworben werden, müssen als Voraussetzung lediglich das Sprachniveau B1 nachweisen (DIE Expertise 2010, S. 54 ff.). So verwundert es nicht, dass Pflegekräfte den beruflichen Sprachanforderungen in der Altenpflege oft nicht genügen. 

Zudem sind die fachsprachlichen und kommunikativen Anforderungen an Pflegekräfte, insbesondere in der stationären Altenpflege, in den letzten Jahren durch neue Pflegestandards, Pflegedokumentation, Erwartungen der Kunden/innen sowie multikulturell zusammengesetzte Teams gestiegen. In der pflegerischen Tätigkeit wird eine personenbezogene Dienstleistungs- und Unterstützungsbeziehung hergestellt, so dass die kommunikativen und fachsprachlichen Kompetenzen der Pflegekräfte von entscheidender Bedeutung für die Qualität der Pflege sind. Sprachliche und kommunikative Defizite können zu eklatanten Problemen und Konflikten am Arbeitsplatz führen, wie z. B. zu Missverständnissen in der Kommunikation mit den zu Betreuenden, mit Angehörigen und mit Kollegen/innen, sowie zur fehlerhaften und gesundheitsgefährdenden Behandlung der Pflegebedürftigen.

Handlungsbedarf

Die AWO ist als Träger von über 900 Pflegeheimen besonders von der oben beschriebenen Situation betroffen. Einerseits sind die stationären Pflegeeinrichtungen auf der Grundlage des Heim- und des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI) verpflichtet, die Qualität der Pflege durch eine Fachkräftequote von mindestens 50 Prozent und durch das Führen von schriftlichen Pflegedokumentationen für die Pflegebedürftigen sicherzustellen. Andererseits können viele Pflegekräfte die erwarteten sprachlichen Anforderungen nicht erfüllen. Das unzureichende Beherrschen der Fachsprache kann zudem dazu führen, dass diese Pflegekräfte geringere Chancen auf einen beruflichen und betrieblichen Aufstieg sowie Weiterbildung haben.

Um den aufgeführten Anforderungen gerecht zu werden, sind Konzepte und Maßnahmen zur Verbesserung der fachsprachlichen und kommunikativen Kompetenzen bei Pflegefachkräften und Pflegehilfskräften mit Migrationshintergrund erforderlich. Dabei sind solche Fortbildungskonzepte erfolgsversprechend, die sich an den Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte und deren konkretem Sprachbedarf am Arbeitsplatz sowie an den unterschiedlichen Lern- und Berufserfahrungen  der Lernenden orientieren. 

Die bisherigen Fortbildungsangebote zur Verbesserung der Deutschkenntnisse bei Arbeitskräften in der Pflege sind noch unzureichend auf den tatsächlichen Bedarf dieser Zielgruppe ausgerichtet. Einzelne Angebote und Materialien sind zudem in ihrer Wirkung kaum evaluiert (DIE Expertise 2010). 

In der im Auftrage des BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) erstellten Expertise "Sprachlicher Bedarf von Personen mit Deutsch als Zweitsprache in Betrieben" stellt das DIE (Deutsches Institut für Erwachsenenbildung) fest, dass sich die Konzeption von berufsbezogenen Sprachkursen eher am mittleren Management eines Wirtschaftsunternehmens orientiert. Es fehlen zudem geeignete Unterrichtsmaterialien (DIE 2010, S. 56). Das DIE sieht es als dringend geboten, entsprechende bedarfsgerechte Konzepte und Unterrichtsmaterialien bzw. innovative Produkte zu entwickeln, die einen Arbeitsplatz bezogenen und handlungsorientierten Unterricht ermöglichen (DIE 2010, S. 62). Dabei ist das Lernen von Fachwörtern und Grammatik nicht ausreichend. Vielmehr sind für Unternehmen und Betriebe der Arbeitskontext und das Verstehen von Arbeitsabläufen sowie funktionierende Kommunikationsabläufe wichtig (DIE 2010, S. 50 ff).

Einen weiterführenden Ansatz in diese Richtung hat der Facharbeitskreis Berufsbezogenes Deutsch im Netzwerk Integration durch Qualifizierung (IQ) mit der Erarbeitung von Qualitätskriterien für den berufsbezogenen Unterricht Deutsch als Zweitsprache entwickelt (IQ Netzwerk 2008), gefördert vom BMA. Diese Qualitätskriterien wurden bisher im Bereich der Produktion in der Entwicklung eines Curriculums für Berufsbezogenes Deutsch in einem norddeutschen Produktionsbetrieb umgesetzt (Koordinierungsstelle Berufsbezogenes Deutsch 2009).

Das Projekt FaDA – Fachsprache Deutsch in der Altenpflege setzt an den bisherigen Erfahrungen und Ergebnissen von betrieblichen Maßnahmen der Sprachförderung an und orientiert sich bei der Entwicklung der Curricula der Schulung FaDA an den Qualitätskriterien für den berufsbezogenen Unterricht Deutsch als Zweitsprache.  


Literatur

Deutscher Bundestag, Drucksache 17/8332 vom 12.01.20102: Fünfter Bericht über die Entwicklung der Pflegeversicherung und den Stand der pflegerischen Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland.

Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (Hrsg.), Dr. Jens Friebe: Migrantinnen und Migranten in der Altenpflege. Bestandsaufnahme, Personalgewinnung und Qualifizierungen in Nordrhein-Westfalen. Eine Handreichung für Bildung und Praxis in der Altenpflege. Bonn 2006.

Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (Hrsg): "Sprachlicher Bedarf von Personen mit Deutsch als Zweitsprache in Betrieben". Expertise im Auftrag des Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Nürnberg 2010.

Facharbeitskreis Berufsbezogenes Deutsch im Netzwerk Integration durch Qualifizierung (IQ): Integration, Arbeit, Sprache. Qualitätskriterien für den berufsbezogenen Unterricht Deutsch als Zweitsprache. Hamburg 2008.

Koordinierungsstelle Berufsbezogenes Deutsch: "Jetzt habe ich das verstanden!", Innerbetriebliche Weiterbildung Deutsch am Arbeitsplatz in einem norddeutschen Produktionsbetrieb. Hamburg 2009.